Friedbergs Botschafter des guten Tons

26.03.2009

Friedbergs Botschafter des guten Tons

Friedberg: Zwei Wäschekörbe voller Unterlagen - das war das Archiv, das Andreas Thon im September 1990 bei seinem Amtsantritt als Dirigent der Friedberger Jugendkapelle vorfand. Dass aus den fliegenden Blättern zum 40-jährigen Bestehen der Kapelle eine Chronik entstand, ist Regine Nägele zu verdanken. Die Friedbergerin begab sich auf Spurensuche, durchforstete Archive und führte Gespräche mit den Zeitzeugen. Das Ergebnis ihrer Recherchen, ein fast 200 Seiten starkes Buch, stellt sie beim Jubiläumskonzert am Samstag öffentlich vor.

Vor 40 Jahren, am 6. Februar 1969, beschloss der Friedberger Stadtrat, die in den Anfängen bereits bestehende Jugendkapelle als städtische Einrichtung zu übernehmen. Schon nach einem knappen halben Jahr unterrichtete der Gründer des Ensembles, Franz Xaver Haltmeir, 58 Mädchen und Buben. Im Dezember gab es dann das erste öffentliche Konzert in der Turnhalle der damaligen Knabenschule an der Aichacher Straße.

Von diesen zarten Anfängen schlägt Regine Nägele einen weiten Bogen bis in die heutige Zeit: In den 70er Jahren wurde dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky der Marsch geblasen, 1983 spielte man vor 7000 Besuchern bei der Primiz des heutigen Weihbischofs Anton Losinger, in den 90ern war die Musik wichtiger Bestandteil beim Aufbau der Städtepartnerschaft mit Bressuire. Ein erfolgreicher Auftritt beim deutschen Musikfest in Würzburg, ein Ständchen für Herzog Franz von Bayern im Wittelsbacher Schloss, die Verabschiedung von Papst Benedikt auf dem Rollfeld des Münchner Flughafens sind Höhepunkte in der jüngeren Geschichte der Kapelle.

Freilich ist das Buch keine trockene Auflistung von Daten und Terminen. Vier Kinder von Regine Nägele waren bzw. sind selbst Mitglied der Jugendkapelle, die Autorin selbst gehört seit zehn Jahren dem Elternbeirat an und hat viele Auftritte und Reisen selbst begleitet. Lustige Begebenheiten am Rande fanden auf diese Weise Eingang in den Band, etwa als Dirigent Haltmeir vor Zorn über die ungerechte Behandlung die Urkunden in Fetzen riss, weil seine Musiker nur den zweiten Platz gemacht hatten; oder als ein junger Musiker bei der Pinkelpause an einer italienischen Autobahnraststätte vergessen wurde; oder wie ein anderer sein schmales Reisebudget in England aufbesserte, indem er sich eine Glatze scheren ließ. Und unvergessen sind die blauen Strumpfhosen der Jugendkapellen-Tracht, in denen sich vor allem die Buben fürchterlich schämten. Karl Gallwitz illustrierte solche Episoden mit spitzer Feder.

Die Chronik erfüllt aber auch noch eine andere Funktion. „Sie soll deutlich machen, was hier an Jugendarbeit geleistet wird“, sagt Regine Nägele. „Wir sind kein FC Holiday“, betont Dirigent Andreas Thon mit Blick auf die vielen Reisen, die aber stets mit Konzerten, Bildungsinhalten und Begegnungen mit Gleichaltrigen verbunden sind. Auf diese Weise wurde die Jugendkapelle zu einem Botschafter der Stadt Friedberg.

An die 500 Jugendliche fanden hier über die Jahrzehnte eine Heimat, und noch heute zählen die drei Ensembles - Anfänger-, Nachwuchs- und großes Orchester - 100 Mitglieder. So mancher hat hier den Weg zum Berufsmusiker eingeschlagen, andere hörten zunächst auf und fingen als Erwachsene das Musizieren wieder an. Und nicht selten gehören auch schon die Kinder früherer Mitglieder zur Jugendkapelle.

Thomas Gossner, © Friedberger Allgemeine

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