Mahner für die Menschlichkeit

Ein ehemaliger DDR-Häftling führt die Jugendkapelle Friedberg durch das Lager Berlin-Hohenschönhausen

12.11.2002

»Möchten Sie eine Tasse Kaffee?« Der Angesprochene nickte. Nach dem zweiten Schluck merkte er, wie es ihm schlecht wurde. Das bemerkte auch der Stasioffizier und forderte ihn auf: »Kommen Sie, kommen Sie mit mir raus aus dem Zimmer!« Draußen auf dem Flur erbrach er sich. Und das war sein Glück! Hans Joachim Helwig-Wilson überlebte die Giftattacke...

Mucksmäuschenstill war es im nüchternen Vortragssaal des ehemaligen Lagers Berlin-Hohenschönhausen, als Herr Helwig-Wilson den Mitgliedern der Jugendkapelle Friedberg erzählte und bei einem anschließenden Rundgang durch die Gebäude vor Augen führte, was einst hier passierte und was ihm selbst als Häftling an diesem schaurigen Ort widerfahren war.

Die jugendlichen Musikanten in Begleitung ihres Dirigenten Andreas Thon und der vier Betreuer waren nicht nur bei ihrer 5-tägigen Berlin-Reise während der Herbstferien in diese Stadt gekommen, um ein eindruckvolles Standkonzert in der Bayerischen Landesvertretung zu geben, das mit großem Applaus durch anwesende Gäste des Hauses und den Bundestagsabgeordneten, Herrn Oswald, bedacht wurde. Man war auch gekommen, um Berlin - im Rahmen des Möglichen - zu besichtigen und ebenso Eindrücke über die dunkle Seite einer nicht allzu fernen Vergangenheit vor Ort zu gewinnen. Dazu gehörte neben der Besichtigung von Check-Point-Charlie der Besuch des Lagers Hohenschönhausen.

In dem 1938 errichteten Backsteinbau befand sich ursprünglich eine Großküche der Nationalsozialistischen Wohlfahrt. Die sowjetische Besatzungsmacht benutzte das Gelände ab Mai 1946 als Sammel- und Durchgangslager. Von hier aus wurden etwa 20.000 Menschen in andere Lager transportiert. Daneben verstarben bereits in Hohenschönhausen viele Menschen durch die unmenschlichen Haftbedingungen.
Im Oktober 1946 wurde das Durchgangslager zu einem sowjetischen Untersuchungsgefängnis ausgebaut. Im Keller der ehemaligen Großküche errichtete man fensterlose Zellen, die nur mit einer Holzpritsche und einem Kübel für die Notdurft ausgestattet waren. »U-Boot« nannten die Gefangenen diese feucht-kalten Zellen, in denen Tag und Nacht das Licht einer Glühbirne brannte. Die Eingeschlossenen verloren über kurz oder lang jegliche Zeitorientierung und wussten nicht, ob es draußen Tag oder Nacht war.
Das Kellergefängnis übernahm 1951 der Staatssicherheitsdienst der DDR. Und hier, im »U-Boot«, begann die Besichtigung der Gebäude. Der düstere Ort vermittelte das Gefühl, sich am Tatort eines unheimlichen Gruselfilms zu befinden. Herr Helwig-Wilson führte allen vor Augen, wie schrecklich das Leben der Unglücklichen hier unten verlief. Man sah Einzelzellen mit einer harten Holzpritsche und einem Kübel. In anderen reichte die durchgehende Holzpritsche von einer Wand bis zur anderen, auf der 8 bis 9 Personen ohne Matratze und Zudecke nebeneinander zu schlafen hatten. Es gab auch in diesen Zellen nur einen Kübel für die Notdurft. Unerträglich muss der Gestank gewesen sein. Die Gefahr war groß, dass Kranke ihre Zellengenossen ansteckten.
Im Keller befinden sich auch die ehemaligen Folterzellen; Herr Helwig-Wilson beschrieb die grausamen Foltermethoden, mit welchen die gefangenen Menschen gezwungen wurden, die von der Stasi gewünschten Aussagen zu machen.

Anfang der sechziger Jahre wurde das Untersuchungsgefängnis durch einen Neubau erweitert. Der Gebäudekomplex lag in einem weitläufigen, geheimen Sperrbezirk, zu dem zu DDR-Zeiten kein normaler Bürger Zutritt hatte. Nicht einmal ein Anwalt durfte das Grundstück betreten, obwohl der Westberliner Hans-Joachim Helwig-Wilson Anspruch auf westlichen Rechtsbeistand gehabt hätte. In seiner Eigenschaft als politischer Journalist fuhr er oft in den Osten der Stadt oder in die DDR. Irgendwann im Jahre 1961 rief man ihn per Telegramm nach Ostberlin. Dort wurde er in ein Auto von der Straße weg zum Einsteigen aufgefordert und landete schließlich im Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge in Berlin-Hohenschönhausen. Man warf ihm u. a. Spionage vor. Herr Hellwig-Wilson schilderte, was er hier durchmachte. Er war im Neubau untergebracht. Hier lagen die Zellen oberirdisch. Tageslicht drang herein, aber die Glasbausteine verhinderten eine Sicht nach draußen. Innerhalb von 24 Stunden erhielten gefangene Frauen zweimal eine Schüssel mit kaltem Wasser zum Waschen, die Männer dagegen nur einmal. An das Wechseln oder gar Waschen der Leibwäsche bzw. Kleidung war nicht zu denken. Zwei Blätter Clopapier wurden gereicht, aber man musste jedesmal eigens darum bitten. Nachts schlief der Häftling auf dem Rücken auf der harten Holzpritsche, die Hände auf die Decke gelegt. Das war Vorschrift. Alle halbe Stunde gab es Kontrollen und bei Nichtbefolgen wurde der Betreffende durch entsprechenden Lärm darauf aufmerksam gemacht, der auch alle anderen in den benachbarten Zellen aufweckte. Karg war das Essen. Nur rückwärts durfte der Häftling auf die Waage steigen, damit er nicht sehen konnte, wieviel er an Gewicht verloren hatte. Zermürbend waren die Verhöre, grausam der Aufenthalt in der schalldichten, fensterlosen Gummizelle im Keller des Neubaus. Hans-Joachim Helwig-Wilson wurde gefoltert. Er wurde geschlagen, seine Hände und Füße gebrochen und die Wirbelsäule verletzt. Er erhielt kein Lebenszeichen von außen, wusste nicht, wie es seiner Frau und seinen Kindern ging. Irgendwann unterschrieb er das, was man ihm vorlegte, weil er sich am Ende fühlte. Er kam nach Frankfurt an der Oder und dort sah er zum ersten Mal einen Verteidiger, den berühmten Ostberliner Anwalt Vogel. Man verurteilte ihn zu 13 Jahren Haft. Und das, weil er u. a. das Haus der ersten Frau von Walter Ulbricht ausgemacht und fotografiert hatte. Sein Fehler war es, dies einem »Freund« zu erzählen, der sich dann später als ein Spitzel der Stasi entpuppte.
Endlich erhielt er ein Lebenszeichen von seiner Frau. Immer wieder kam er wegen seines schlimmen Gesundheitszustandes in Haftkrankenhäuser. Nach 4 Jahren wurde er für 49.000 DM von der BRD freigekauft. Doch Helwig-Wilson war ein Pflegefall. Ärztliche Kunst brachte es fertig, dass er heute ein einigermaßen normales Leben führen kann.

Man kann Helwig-Wilson gut zuhören und er versteht es, betroffen zu machen. Gewandt ist seine Ausdrucksweise, manchmal blitzt ein bisschen Galgenhumor durch. Es drängt sich aber doch die Frage auf: Warum tut sich der heute 70-jährige das an, an dem einstigen Ort des Leidens Führungen zu machen, die für ihn sicherlich anstrengend sind, während andere ehemalige, sogar namhafte Häftlinge es nicht fertig bringen, über ihre erlittenen Qualen zu sprechen? Herr Helwig-Wilson beantwortet das so: Er will darüber berichten, was hier einst geschah und er will aufrütteln, dass so etwas nicht mehr geschieht. Darum freut er sich, dass etwa 1/3 der Besucher junge Menschen sind. Und er kämpft für Gerechtigkeit. Er will, dass die Opfer entschädigt werden. Und er will, dass die Täter, die es verstanden haben, sich geschickt der Justiz zu entziehen, zur Rechenschaft gezogen werden. Er will Gerechtigkeit - nicht Rache!

Regine Nägele, © Jugendkapelle Friedberg

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